Einleitende Info für alle meine Blogleser, die nicht aus Tirol kommen: In Innsbruck tobt derzeit Wahlkampf – am kommenden Sonntag wird der Gemeinderat der Stadt gewählt, gleichzeitig findet die Bürgermeisterdirektwahl statt. Aus diesem Grund hat das Medienkolleg Innsbruck zu einer etwas anderen Elefantenrunde eingeladen: dem Jagdclub. Ohne Heiße Luft und leere Floskeln war das Motto – dementsprechend gespannt und freundig erregt war die virtuell versammelte Netzgemeinde gestern am 09.04.2012 um 19:00 Uhr.

Organisation

Anders als die gähnend langweiligen Diskussionsrunden, die wir aus dem ORF kennen, waren die Fragen an die Politik hier nicht mit den jeweiligen Pressereferenten akkordiert und abgesprochen, sondern wurden teilweise live via Twitter und Facebook vom Publikum gestellt. So erklärt sich auch das teilweise wirklich peinliche Gestammel unserer potentiellen Bürgermeister, das so fernab der sonst immer makellosen Pressemitteilungen lag. Mal ehrlich: interessiert es jemanden, ob ein Kandidat im echten Leben gelbere Zähne hat, als auf dem Werbeplakat oder was sein Kampfgewicht ist? Mich persönlich mal nicht.

Eingeladen waren alle Spitzenkandidaten für das Bürgermeisteramt : Christine Oppitz-Plörer (FI), Christoph Platzgummer (ÖVP), Sonja Pitscheider (Grüne), Marie-Luise-Pokorny-Reitter (SPÖ), Rudi Federspiel (Liste Federspiel) und August Penz (FPÖ). An dieser Stelle muss ich mich selbst korrigieren: alle war das falsche Wort, es treten zur Wahl auch noch der Tiroler Seniorenbund, die KPÖ sowie die Piratenpartei an – für die war nur laut Veranstalter am Podium kein Platz mehr. Schade eigentlich, ich hätte vor allem die Piraten gerne mal im Einsatz erlebt.

Die Stimmung war durchaus angenehm, für Wahlkampfzeiten nicht allzu gehässig. Das ganze Ambiente hat für mich ein bisschen an die Anfänge von TV-Total mit Stefan Raab erinnert – die kurzen Musikunterbrechungen waren für österreiche Fernsehformate zwar ungewohnt, aber nicht unlustig. Speziell als die Gemüter etwas überkochten, brachte der Livesound spürbare Beruhigung hinein.

Modus

Live-Votings sind derzeit absolut im Trend, das konnten wir zuletzt auch bei der deutschen TV-Castingshow Unser Star für Baku beobachten. Im Jagdclub konnte das Publikum via Echtzeit-Voting die geladenen Studiogäste (positiv oder negativ) bewerten – bei besonders vielen negativen Votings sogar für 3min stumm schalten 😉

Der Ansatz gefällt mir sehr gut, die praktische Ausführung hat dann für mich doch einiges Optimierungspotential aufgeworfen. Nachdem wahrscheinlich kaum einer der Kandidaten mit den Begriffen unique IP oder multi-votes etwas anfangen kann, darf sich speziell Federspiel noch nicht zu früh freuen: Seine gestern knapp 1.200 plazierten Stimmen garantieren bei der Wahl noch keinen fixen Platz im Gemeinderat – jeder Zuseher konnte nämlich alle 120sek jeden einzelnen Kandidaten bewerten. Ich schätze mal, dass nicht mehr als 300 Menschen tatsächlich bei diesem Voting mitgemacht (siehe Update ganz unten). Gerüchte aus gewöhnlich gut informierten Quellen erzählen von Anhängern, die gleichzeitig mit zwei Smartphones, einem iPad und drei Computern gevotet haben – daraus resultiert auch der bei allen Bewerbern stark negative Überhang. Sinnvoller wäre wahrscheinlich eine Aufteilung in drei oder vier Themengebiete, nach denen das Voting wieder auf Null gestellt wird. Anzudenken wäre auch, sich bei jeder Votingrunde für einen Kandidaten entscheiden zu müssen – damit wird das alberne Bad Campaigning etwas unterbunden.

Wie bei jeder Wahl kann somit jede Partei den Sieg für sich reklamieren und in das Abstimmungsergebnis hineininterpretieren, was sie wollen.Echtzeit Voting

Inhalte

Auch wenn es mache Wiener ORF-Journalisten nicht verstehen oder wahrhaben wollen, es ging um die Innsbrucker Gemeinderatswahl. Eine Fokussierung auf lokale Themen für jeden politisch halbwegs erfahrenen Beobachter daher logisch und nachvollziehbar. twitterfail

Man hat deutlich gesehen, was die Zuseher interessiert:

  • Wohnen
  • Verkehr
  • Wahlkampfkosten
  • unser Marokkaner-Thema
  • Kultur(?)

Eine detailierte inhaltliche Analyse würde hier den Rahmen sprengen, das erledigen sicher noch andere. Nur zwei Highlights, leider symptomatisch:

  • Ich verspreche nichts Konkretes, aber dafür werde ich mich mit ganzer Kraft einsetzen. (Penz)
  • Ich bin zwar Stadrätin für Tiefbau und Wohnen, habe aber mit dem Wohnbau eigentlich nichts zu tun. Das ist ein Thema der Raumordnung, nicht der Vergabe. (Pokorny-Reitter)

Update (10.04.2012, 20:00 Uhr)

Florian Rudig war so nett und hat mir gerade die Details zu den Zugriffen geschickt. Tolle Sache – liegen weit über meinen Schätzungen: Insgesamt wurden 26.516 Votes abgegeben. 1.540 unique IPs wurden beim Voting registriert. Nur von 13 IPs kamen mehr als 3 Sessions. Für die erste Sendung kann man wirklich von einem bahnbrechenden Erfolg sprechen – herzliche Gratulation ans Team.

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Social Media nichts für Touristiker?

Veröffentlicht: März 8, 2012 in Business
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Gestern wurde ich von Karin Hammer zu meiner Meinung zum aktuellen geistigen Erguss von Christian Saller (Chef von Swoodoo) gebeten. Seine These: In der Tourismusbranche sei der Nutzwert von Social Media vernachlässigbar.

Jetzt widerspreche ich natürlich äußerst ungern einem ausgewiesenen SocialMedia-Experten wie Kollegen Saller, der es geschafft hat, auf seiner Facebook-Fanpage in zwei Jahren beeindruckende 1.600 Fans und auf dem Twitter-Account @flugsuche fast unglaubliche 380 Follower zu versammeln. Aber in seinem Text sind ein paar Punkte drinnen, die meines Erachtens nur aus mangelnder Erfahrung und Unkenntnis resultieren können:

1) „Viele Reiseportale verfügten lediglich über einige hundert oder tausend Anhänger.“

Kommt halt immer darauf an, welche Auftritte von Reiseportalen man kennt. www.facebook.com/expedia hat zur Zeit 1.1Mio Fans, www.facebook.com/hotelsdotcom ist mit 185.000 Fans auch nicht schlecht unterwegs – beide mit sehr hoher Interaktionsrate (25% ist da wirklich ein ausgezeichneter Wert). Wenn ein Unternehmen auf Facebook keinen Wert legt, wird da naturgemäß auch nicht viel passieren. Das Gerücht, Social Media funktioniere von alleine, kann ich aus meiner Erfahrung leider nicht bestätigen.

2) „Erfolgreiche Verkaufsaktionen über Social Media in der Tourismusindustrie sind mir nicht bekannt.“

Wenn eine Webseite so beharrlich und konsequent Social Media ignoriert wie Swoodoo, wundert mich diese Bildungslücke nicht wirklich. Klingt für mich ein wenig nach der Jungfrau, die von der Geburt berichtet.

Normalerweise verdiene ich ja mit Geschäftsmodelloptimierungen mein Geld – diesmal gibt es allerdings einen Trick für alle geneigten Leser gratis: „Verkauf“ bedeutet nicht nur zwingend, auf irgend einer Facebookseite eine Buchungsbox raufzuklatschen. Gewiefte Touristiker finden auch andere Wege, diese sozialen Kanäle (Ja, Social Media ist tatächlich mehr als Facebook 😉 für kommerziellen Erfolg zu nutzen. Best Case Practice hier ist für mich Holidaycheck, die als einer der ersten Anbieter ein veritables Businessmodel aus Gästerezensionen gemacht haben.

Auch der Portal-Traffic , welcher aus Links in sozialen Netzwerken generiert wird, ist leicht zu konvertieren und überdies kostenlos. Hier darf ohne Anspruch auf Vollständigkeit drei Beispiele nennen, die auf sehr clevere Art Content, Unterhaltung und Business mischen: www.facebook.com/OesterreichFanswww.facebook.com/reisedoktorwww.travellive.cc oder www.twitter.com/Twit_ski.

istockphoto.com (C) alexander kirch

3) „Bestenfalls nice-to-have seien Unternehmensauftritte und -Kampagnen in Social-Media-Plattformen“

Tendenziell tun sich halt speziell Unternehmen mit ihrem Auftritt in sozialen Netzwerken schwer, die weder einen USP noch wirkliche Abgrenzungsmerkmale gegenüber Mitbewerbern haben. Wenn ich als Firma nichts zu erzählen habe, wird der Weg auf Facebook, Google+, Twitter & Co wohl steinig werden.

Aber selbst für diese Firmen sollten Facebook-Ads nicht im Marketingmix fehlen. (Zur Zeit noch meist) günstiger als Google Adwords bieten sie nicht uninteressante Selektionsmöglichkeiten, verbunden mit erprobten sozialen Signalen wie „diese Anzeige gefällt auch folgenden deiner Freunde“.

An der Sinnhaftigkeit von Empfehlungsmarketing (und das ist ein ganz wichtiger Bestandteil der kommerziellen Nutzung von Social Media) speziell im Tourismus sollte ja im Jahr 2012 eigentlich kein Kundiger mehr zweifeln, der es mal probiert hat. Im Zweifelsfall jemanden fragen, der sich damit wirklich auskennt *gg*

Meine Ehefrau hat am Wochenende meinen Jubelschrei „Ja, ich habe Alduin den Weltenfresser endlich vernichtet!“ wohl mit einem dankbaren Seufzer zur Kenntnis genommen. Die lang erwartete Fortsetzung des Rollenspiel-Klassikers The Elder Scrolls aus dem Hause Bethesda kam Mitte November 2011 endlich in die Läden und seitdem war ich 82h in dem Spiel online.

The Elder Scrolls 5: Skyrim wurde letzte Woche zum Spiel des Jahres 2011 gekürt. Warum eigentlich? Diese Frage möchte ich hier sowohl für Einsteiger als auch Gaming-Profis beantworten. Daraus resultiert auch die Antwort, warum ein erwachsener Mensch neben Job, Studium und Familie jede ungenutzte (Nacht)stunde am Computer verbringt. Wer also die Wortschöpfung epic drop noch nie gehört hat, ist an dieser Stelle genau richtig. Experten überspringen einfach die nächsten beiden Absätze.

Ihr müsst euch die Welt von Skyrim zuerst einmal bildlich vorstellen: Eine riesige Welt mit Wetter, Klimazonen und Zeitrechnung, bevölkert von Menschen, Elfen, Zwergen, Ungeheuer, Monster und … Drachen – alle vom Computer gesteuert. Anders als bei MMOGs (=massively multiplayer online games) wie World of Warcraft spielt man Skyrim alleine. Die Geschichte (im Fachjargon storyline genannt) ist nicht linear – euer Charakter wird zu Beginn in eine Situation gestossen, danach liegt alles an euch selbst. Ihr könnt mit jeder Spielfigur in der Welt reden: üblicherweise überreden, einschüchtern oder bestechen 😉 Manche sind euch wohlgesonnen, manche könnt ihr zu Freunden machen, einige dürsten nach eurem Blut. Ein ziemlich cleverer Algorithmus sorgt dafür, dass ihr sanft geleitet und immer wieder in eine passende Richtung geschubst werdet. So bekommt ihr ständig Aufgaben (im Fachjargon Quests genannt), die euch Geld, Ausrüstung und Erfahrung verschaffen. Über diese zahlreichen Quests lernst ihr langsam aber sicher die gesamt Welt kennen und steigt behutsam in die eigentliche Geschichte ein: die Welt wird nämlich von Drachen heimgesucht und ihr könnt der lang ersehnte Retter sein.

Skyrim Koch

Und ab hier wird es wirklich spannend: Ihr könnt der Held sein, müsst aber nicht. In Skyrim könnt ihr auch Meuchelmörder, Attentäter, Schmied, Alchemist oder sonst etwas sein. Es gibt kein definiertes Spielende, die unterschiedlichen Handlungsstränge sind fast unendlich – der Hersteller spricht selbst von über 300h möglicher Spielzeit. Und keine Angst vor dem Spieltod – man kann anders als im realen Leben so oft sterben wie gewünscht. Ein automatisches Speichern ermöglicht jederzeit verschiedene Versuche, das aktuelle Problem zu lösen. Nicht immer ist Waffengewalt der einfachste Weg, manchmal muss man raffinierter vorgehen. Analog zum echten Leben regiert Geld auch hier die Welt – ihr könnt euch mit dem verdienten oder erstohlenen Lohn bessere Waffen, Rüstungen, Zaubersprüche und vieles mehr besorgen.

Recap für Zocker-Profis:

Auf jeden Fall die PC-Version verwenden, die Grafik ist mit geeigneter(!) Hardware um Lichtjahre besser als auf der XBOX360 oder PS3. Sowohl die Kampfsequenzen als auch die Landschaftseindrücke sind in Full-HD auf einem 27″ Schirm wahrlich beeindruckend. Die Charakterentwicklung ist im Vergleich zu anderen Genre-Games eher simpel, ihr könnt pro Erfahrungsstufe nur entweder Magie, Gesundheit oder Ausdauer erhöhen. Das Talentesystem ist gut gemacht, allerdings auch lange nicht so komplex wie bei WoW. Die Kämpfe sind unterhaltsam und blutig, aber taktisch lange nicht so anspruchsvoll wie zB bei Dragon Age 2. Lediglich bei einigen Bosskämpfen geht die Taktik „Volle Kanne, einfach drauf“ nicht auf. Ob man Skyrim nun als Bogenschütze, Zauberer, Zweihandkrieger oder Assassine spielt, ist reine Geschmacksache – ebenso ob man 3rd Party Sicht verwendet oder lieber die gewohnte Egoshooter Perspektive hat.

Skyrim EgoshooterSkyrim DracheSkyrim Stadt

Meine Tipps für zukünftige Drachentöter:

  • Hauptquestreihe immer fleissig weiterspielen. Nur dadurch bekommt ihr die wirklich coolen Zaubersprüche wie Drachenfall (zwingt einen fliegenden Drachen auf den Boden) oder Drachenruf (ruft einen verbündeten Drachen)
  • Redekunst rasch bis 50 skillen. So kann man allen Händlern jedes beliebige Item verkaufen (sehr praktisch).
  • Die Investition in ein Reitpferd lohnt sich von Beginn weg, das Herumlaufen ist mühsam. In der Nebenquestreihe Diebesgilde und dunkle Bruderschaft gibt es später ein kostenloses Pferd als Belohnung.
  • Ein Begleiter erleichtert das Questen speziell in Dungeons erheblich, ausserdem kann er als Lastenmuli dienen. Rüstet ihn gut aus und verwendet ihn als Ergänzung eurer Spielweise: Wenn ihr Zauberer seid, holt euch einen Nahkämpfer und umgekehrt.
  • Verzaubern ist ein sehr sinnvolles Talent, ein ständiger Vorrat an Seelensteinen ist aber unerlässlich. Eine Waffe auf jeden Fall mit Seelenfalle verzaubern, dann werden die Seelensteine automatisch gefüllt.
  • Für Poser empfiehlt es sich, Schmiedekunst zu skillen, dann gehört die legendäre Drachenrüstung schon fast euch.
  • Überlegenswert: Wenn ihr von einem Vampir oder Werwolf gebissen werdet und die Krankheit nicht heilt, verwandelt ihr euch. Ich hab einige Level als Vampir gezockt – speziell als Dieb oder Meuchler sehr witzig.
  • Irgendwann müsst ihr für die Sturmmäntel oder Kaiserlichen Partei ergreifen, die jeweils andere Nebenquestreihe ist danach naturgemäß nicht mehr möglich.
  • Es gibt im Spiel versteckte 13 magische Findlinge, die bestimmte Attribute verstärken. Zu Beginn ist der Schlachtroßstein sehr praktisch, damit kann man mehr tragen.

Skyrim TalenteSkyrim Zauber

Ich wünsche den geneigten Lesern viel Spaß in der Welt von Skyrim. Manche Rätsel sind echt kniffelig, da ist es keine Schande, mal kurz die Lösung in einem Youtube-Video zu spicken. *gg*

Letzte Woche habe ich einen Wirtschaftsblatt-Artikel über das neue Buch von Svenja Hofert gelesen. Darin schreibt die deutsche Karriereberaterin und Autorin: „Vergessen Sie alles, was Sie übers Gründen gelernt haben und legen Sie einfach mal los.“

Schon nach der Headline hatte ich als Betriebswirt ein etwas mulmiges Gefühl, welches leider im Fortlauf des Artikels ständig zunahm. Das sind tatsächlich die ernst gemeinten Ratschläge für Unternehmensgründer einer Expertin?

  • Es braucht weder einen Businessplan noch eine betriebswirtschaftliche Ausbildung.
  • Erst einmal anfangen zu arbeiten und dann einen Plan ausarbeiten.
  • Denken Sie nur so weit, wie Sie können.

Ich befürchte, all zu viele erfolgreiche Entrepreneure dürfte die gute Dame so noch nicht gecoacht haben. Ich habe zu diesem Thema bereits einiges publiziert und im Laufe der Jahre hunderte Bilanzen von grossen und kleineren Firmen analysieren müssen dürfen. Aus manchen dieser Bilanzen kann man leider genau die in dem Artikel angeführte Naivität herauslesen.

Das Business ist in jeder Branche mittlerweile knallhart – der von Frau Hofert als irreleveant angesprochene Faktor Zeit ist mit Sicherheit einer der kritischen Erfolgsfaktoren. Nicht umsonst ist das alte Sprichwort „Nicht der Große frisst den Kleinen, sondern der Schnelle den Langsamen“ valider denn je. (Tipp für die nächste Runde Trivial Pursuit: Dieses Bonmot stammt übrigens von Heinz Peter Halek)

Jetzt könnte man es sich leicht machen, und Unternehmer(innen), welche in ihrer Vita schriftlich zu Protokoll geben „zur Not schaue ich auch in Steuergesetze“ grundsätzlich die betriebswirtschaftliche Kompetenz absprechen. Das wäre allerdings unfair, daher ein paar Anregungen aus der Praxis für das nächstes Buch von Kollegin Hofert – in diesem Fall Tantiemen-frei.

  1. Lassen wir mal die wenigen Glücklichen beiseite, die über eine ausreichende Eigenkapitaldecke infolge vermögender Eltern, Lottogewinne oder vergangener Ruhmestaten verfügen. Der überwiegende Rest muss für den Projektstart Geld auftreiben – sei es nun Eigenkapital (Private Equity) oder Fremdkapital (in der Regel von Banken). Jeder, der so wie ich in einer Investmentbank gearbeitet hat, lernt am ersten Arbeitstag folgendes, supergeheimes Geheimnis: „Banken geben Regenschirme aus. Allerdings nur bei strahlendem Sonnenschein. Niemals bei Regen. Und schon gar nicht bei aufziehendem Unwetter!“ Für eine solide und ausreichende Finanzierung ist es also von essentieller Wichtigkeit zu wissen, wann ich wieviel Geld benötigen werde. Nur so habe ich realistische Chancen, in einer entspannten Verhandlungsposition Kapital zu generieren. Den esoterischen Ansatz von manchen Buchautoren in allen Ehren – das geht leider nur mit einem gut durchdachten Businessplan. Oder mit einer wirklich gut funktionierenden Kristallkugel einer Wahrsagerin.
  2. Die in Österreich mit Abstand aktivsten Konkursbetreiber sind nicht etwa Banken oder Lieferanten – die werden sich nämlich dreimal überlegen, zum Handelsgericht zu wandern. Nein, es sind die Gebietskrankenkassen wegen ausstehender Dienstgeberbeiträge. Mangelnde Liquidität hat schon so manchen Firmen mit guten Produkten und guten Ideen das Genick gebrochen. Und für eine Liquiditätsvorschau braucht man ein gutes Zahlenverständnis und eine zeitnahe Zahlenbasis. Für ein sinnvolles Finanzcontrolling reicht es bedauerlicherweise nicht aus, einmal im Monat den Karton mit den ungeordneten Belegen zum Steuerberater zu schicken. Auch dieses Problem löse ich nicht mit positiver Energie alleine – die oben angesprochenen Kristallkugel würde natürlich auch da helfen.
  3. Ohne einer mittel- und langfristigen Strategie führe ich mein Unternehmen nach dem Motto „Ich hab keine Ahnung wohin, aber ich bin schnell dort.“ Speziell, wenn sich dann mal die Gretchenfrage nach einem Exit stellt (Unternehmensverkauf, Beteiligung, etc), muss man für eine fundierte Beurteilung der Situation ein Zahlengerüst vor sich haben.
  4. Ohne Skalierbarkeit macht ein Unternehmen kommerziell nur halb so viel Freude. In vielen Branchen gibt es massive sprungfixe Kosten, die den Gründer sehr rasch in eine ungewollten Liquiditätsengpass bringen können. Ohne Businessplan, der diese Korelationen genau aufzeigt, wird es nun wirklich langsam Zeit für die erwähnte Kristallkugel.

Hunderter

Der geneigte Leser sieht also: Motivation, Freude und gute Idee eines Gründers sind zweifellos extrem wichtig – ohne betriebswirtschaftliches Rüstzeug wird er aber mit hoher Wahrscheinlichkeit auf der Strecke bleiben. Ich wünsche Frau Hofert weiterhin viele Menschen, die brav ihre Bücher kaufen. Und diesen Käufern empfehle ich, von den vielleicht philosophisch wertvollen Ratschläge nur Wenige zu befolgen. Business ist kein Ponyhof 😉

Tempora mutantur, nos et mutamur in illis. Diese Zeilen zieren den aktuellen Expertenbericht zur Entwicklung und Dynamisierung der österreichischen Hochschullandschaft. Wörtlich übersetzt „Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns in ihnen.“ Mit persönlich gefällt die (inoffizielle) Variante von Sido besser „Die Zeiten ändern dich.“

Interessant, dass das beauftragende Ministerium dafür ausschliesslich die Meinung ausländischer Fachleute einholt, die gleich mal sicherheitshalber anstatt der österreichischen Hochschulprognose die Daten aus der Schweiz als Basismaterial verwenden. Aber eventuell ist unser Minister der Meinung, dass sich mit dem schwierigen Thema bei uns einfach niemand auskennt.

Um die Debatte besser zu verstehen, sollte man den pragmatischen Ansatz beiseite lassen und die rein politische Komponente berücksichtigen. Keine Regierungspartei will ihr Gesicht verlieren und von einer jahrzehntelangen Linie abweichen, daher wird die Diskussion noch spannend werden. Bundeskanzler Faymann bekräftigte gerade eben den Standpunkt der SPÖ: „Ich bin gegen Studiengebühren, weil immer noch zu wenig Arbeiterkinder an Hochschulen sind.“ Axel Melchior, Generalsekretär der Jungen ÖVP wirft sich für den Standpunkt der ÖVP in die Bresche: „Studienbeiträge tragen dazu bei, die Qualität der Studien und die finanzielle Lage der Universitäten zu verbessern.

Die Probleme sind seit vielen Jahren die gleichen:

  • Zu wenig Budget für die Unis
  • Zu viele Studenten

Wissenschaftsminister Töchterle hat nun seine ersten vagen Ideen zur Lösung der Krise vorgestellt: Studiengebühren in der Höhe von 500EUR pro Semester und Zugangsbeschränkungen. Soweit nichts Neues – spannend fand ich den nicht näher definierten Ansatz von dynamischer Betrachtung. Für mich macht es durchaus Sinn, hier nicht pauschal nach dem Gießkannenprinzip zu denken, sondern selektiv nach Studienrichtung und Standort vorzugehen. Warum sollte zB Betriebswirtschaft an der WU Wien (extrem nachgefragt mit hoch dotierten Berufsaussichten) nicht teurer sein dürfen als Neugriechisch an der Uni Salzburg (insgesamt 100 Studenten mit fraglichen Jobaussichten) ?

Die klassenkämpferische Überlegung des freien Zugangs zu allen Hochschulen für jederman ist nicht nur überholt, sondern auch ökonomisch fragwürdig. (Gute) Bildung kostet Geld – das kann gerechterweise auch nur von den Betroffenen, sprich den Studierenden selbst, kommen. Oder traut sich ein Politker, den Pensionisten zu sagen „Wir kürzen jetzt eure Pensionen, weil wir das Geld für die Unis brauchen“?  Für Menschen, die sich 80EUR im Monat nicht leisten können oder wollen, gibt es in vielen Ländern der Welt zinsenfreie Studiendarlehen, die nach Beendigung des Studiums wieder der Allgemeinheit zurückgezahlt werden. Nur zum Vergleich: Auf amerikanischen Eliteunis muss man mit etwa 25.000EUR Studiengebühren pro Jahr rechnen, natürlich exklusive Unterkunft und Verpflegung.

Eliteuni

Ich stelle mal die These auf, dass dich in 20 Jahren auch in Österreich niemand mehr fragen wird, was hast du studiert? Sondern vielmehr wo hast du studiert?

Die Entwicklung des Benzinpreises in Österreich unterliegt einigen betriebswirtschaftlichen und streng wissenschaftlichen Bedingungen, die ich hier gerne für euch (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) zusammenfasse:

  • Steigt in Rotterdam der Barrelpreis Rohöl -> steigt der Benzinpreis
  • Sinkt in Rotterdam der Barrelpreis Rohöl -> steigt der Benzinpreis
  • Liegt einem Ölboss der Muffin vom Frühstück noch im Magen -> steigt der Benzinpreis
  • Fühlt sich meine Oma im Burgenland gerade ein bisschen unwohl -> steigt der Benzinpreis

Spass beiseite – hier steht, wie die Erdölindustrie die Preisbildung auf dem Ölmarkt sieht.

„Mehr Transparenz erhöht den Wettbewerb“ hat sich daher der österreichische Gesetzgeber gedacht und im Frühjahr 2011 eine Novelle des Preistransparenz-Gesetzes verabschiedet. Diese neue Verordnung trat Anfang August 2011 in Kraft und verpflichtet bei Androhung von drakonischen Strafen (im Wiederholungsfall sogar bis zu 7.260 EUR) alle österreichischen Tankstellenbetreiber, Änderungen am Bezinpreis unverzüglich (also binnen 10Min) elektronisch zu melden. Wirtschafts- und Energieminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) war überzeugt „Wir schaffen so bei den Konsumenten ein noch stärkeres Bewusstsein für die Vorteile von Preisvergleichen.“

Auf www.spritpreisrechner.at wird seit gestern sollte werden vielleicht irgendwann mal die Preise der fünf günstigsten Tankstellen in der Umgebung des Autofahrers in Echtzeit abrufbar. Weiters auch Daten über die Öffnungszeiten und das Shopangebot der Tankstellen abrufbar sein. Beauftragt damit wurde kraft Gesetz die E-Control, der behördlicher Regulator des österreichischen Strommarktes, seit März 2011 eine Anstalt öffentlichen Rechts. Dem dortigen Impressum entnimmt der penible Leser auch ganz genau die Aufgabe dieser Behörde: „…die Umsetzung der Liberalisierung des österreichischen Strom- und Gasmarktes zu überwachen, zu begleiten und gegebenenfalls regulierend einzugreifen.“

Was jetzt der Spritpreis genau mit dieser Aufgabendefinition zu tun haben soll, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber egal, das ist eine super Sache, auch wenn es durchaus einige Kritiker gab. Umso gespannter war ich (und abertausend andere) auf den lange angekündigten Start dieser Spritpreisdatenbank am 16.08.2011. Der vom Wirtschaftsministerium bestätigte Preis von 60.000 EUR Steuergeld erschien vielleicht manchen Technikern für eine relativ simple Webdatenbank üppig, aber um den Batzen Geld kann man schon was Beeindruckendes zaubern.

Die Spannung wird leider auch noch unbestimmte Zeit so bleiben, denn die Website funktioniert nicht. Dienstag Mittag flatterte schon des Rätsels Lösung via Presseaussendung des Leiter der Abteilung Volkswirtschaft der E-Control herein: der Spezialist war allen Ernstes der Ansicht, es „…kann auch ein Angriff durch Hacker eine mögliche Ursache sein.“ Diese Idee war dann nach reiflicher Überlegung wohl selbst seinen eigenen Informatikern zu blöd, am nächsten Tag kam die endgültige Auflösung: Es scheiterte nicht an obskuren Hackerangriffen, sondern ganz simpel an mangelhafter Skalierbarkeit, das Ministerium ist not amused.

Inmitten des mittlerweile wunderschön entfalteten Shitstorms hat der Twitteraccount @energiecontrol aber Zeit gefunden, auf meine Anfrage zu antworten. Allein das gehört schon positiv vor den Vorhang, weil beileibe nicht selbstverständlich. Gerne führe ich daher extra für ihn meine Kritik etwas detaillierter aus:

TomThaler auf TwitterE-Control auf Twitter

1) In Erweiterung der bekannten Fragestellung make-or-buy möchte ich es ausdehnen auf „Hab ich das für den Projekterfolg notwendige Knowhow im Unternehmen, oder muss ich es zukaufen?“ Es ist kein Vorwurf, sondern eine simple Feststellung, dass euer Portal http://www.e-control.at in der Vergangenheit in keinster Weise als Traffikbooster zu klassifizieren war. Und die beinharte Realität hat besser als irgendjemand anders gezeigt, dass eure Erfahrung mit hochperformanten Webseiten im höflichsten Fall als überschaubar bezeichnet werden kann. Ein kleine Webapplikation mit ein paar tausend Besuchern am Tag ist leider noch lange keine valide Referenz. Sorry, so stolz ihr auf den Tarifkalkulator auch sein mögt. Mir ist ehrlich gesagt vollkommen unklar, wie sich eine Behörde einen derartigen Lapsus leisten kann, ohne dass zeitnah Konsequenzen gezogen werden.Trafficentwicklung

2) Aber man muss/kann nicht alles selbst können. Gerade im Hosting-Bereich empfiehlt sich grundsätzlich die Zusammenarbeit mit einem größeren Anbieter, wer will schon ein eigenes Rechenzentrum finanzieren und betreiben? Der Minister mag bei dieser Größenordnung vielleicht schon ein unbestimmtes Risiko sehen, für uns Portalexperten ist das tägliches Brot. Leider hat niemand die Kristallkugel, die einem den Traffic von morgen heute schon vorhersagt – das wäre wunderbar. Heutige Webanwendungen erfordern einfach Skalierbarkeit und Lastverteilung, das hätte euch eigentlich jeder seriöse IT-Partner schon im Vorfeld sagen müssen. Wir wollen doch keine Angst vor dem Erfolg haben, oder? Und mal ganz unter uns: 150.000 Zugriffe an einem Vormittag zwingen doch noch lange keine professionelle Serverlandschaft in die Knie!

3) Zu einem gut aufgesetzten IT-Projekt gehören selbstverständlich auch Krisenpläne. Jeder, der schon einmal einen Portal-Relaunch mitgemacht hat, weiss, dass sich hier immer wieder kleine Fehler einschleichen – darauf muss man vorbereitet sein. Auch (oder vor allem) für den Super-GAU, wenn nämlich gar nichts mehr geht. Dann plötzlich mit Verschwörungstheorien bezüglich ominösen Hackerangriffen an die Öffentlichkeit zu gehen, darf ich getrost als grottenschlecht und dilettantisch bezeichnen.

Für eine staatliche Behörde gilt das bedauerlicherweise alles mal zwei! Überall wo öffentliches Geld in diesen Grössenordnungen verwendet wird, schaut der interessierte Steuerzahler ganz genau hin. Wenn meine Unternehmensberatung ein Projekt so dermassen in den Sand setzen würde, hätte ich schon Schadenersatzforderungen in Millionenhöhe am Schreibtisch. Als Beamter kann man das natürlich etwas entspannter und relaxter angehen, ändert aber nichts an der grundsätzlichen Thematik. Wirklich schade, weil die Idee des Spritpreisrechners ist spitze. Speziell als mobile App ist da sicherlich eine breite Nachfrage quer durch ganz Österreich, hat ja niemand was zu verschenken 😉

Ein Mann verkaufte heiße Würstchen. Er war schwerhörig, deshalb hatte er kein Radio. Er sah schlecht, deshalb las er keine Zeitung. Aber er verkaufte köstliche heiße Würstchen. Das sprach sich herum und die Nachfrage stieg von Tag zu Tag. Er kaufte einen größeren Herd, musste immer mehr Fleisch und Brötchen einkaufen. Er holte seinen Sohn von der Universität zurück, damit er ihm half. Aber dann geschah etwas.

Sein Sohn sagte:“Vater, hast du denn nicht Radio gehört? Eine schwere Rezession kommt auf uns zu. Der Umsatz wird zurückgehen. Du solltest nichts mehr investieren!“ Der Vater dachte:„Mein Sohn hat studiert. Er schaut Fernsehen, hört Radio, liest Zeitung. Der muss es wissen.“ Also verringerte er seine Fleisch- und Brötcheneinkäufe, sparte an der Qualität des Fleisches. Er verringerte seine Kosten, indem er keine Werbung mehr machte. Und das Schlimmste:die Ungewissheit vor der Zukunft ließ ihn missmutig werden im Umgang mit seinen Kunden. Was passierte daraufhin? Sein Absatz an heißen Würstchen fiel über Nacht. „Du hattest Recht,mein Sohn“, sagte der Vater, „uns steht eine schwere Rezession bevor?“

Kaum zu glauben, aber die selbsterfüllende Prophezeiung wurde aber bereits 1948 von dem berühmten Universitätsprofessor Robert K. Merton analysiert und definiert. Wer auf der Uni in Soziologie und Verhaltenspsychologie immer eingeschlafen ist, hat dabei wahrlich etwas versäumt. Diese Theorien sind Jahrzehnte alt, haben aber auch im Web 2.0 Zeitalter nichts an Bedeutung oder Richtigkeit eingebüsst. Wie sehr, mussten gerade in den letzten Tagen Experten auf der ganzen Welt zähneknirschend zur Kenntnis nehmen: Alle Reden von einer Krise, daher sind wir in einer Krise!

Dazu muss man auch berücksichtigen, dass am Aktienmarkt keine realen Werte gehandelt werden, sondern in Wahrheit Hoffnungen. Es klingt zwar betriebswirtschaftlich abenteuerlich, aber der Aktienkurs eines Unternehmens hängt weniger von den real erwirtschafteten Gewinnen oder Verlusten ab, sondern vielmehr von der Zukunftserwartung der Anleger und Kapitalgeber. Ähnliches gilt auch für Staaten, die zwar keine „Aktienkurse“ haben, aber die Konditionen, zu denen frisches Geld am Markt aufgenommen werden kann, sind meines Erachtens dafür durchaus vergleichbar.

Aktienkurs der Telekom

Ich freue mich auf jeden Fall schon auf die neuen Ausreden der Tankstellen, warum trotz sinkendem Barrelpreis Rohöl die Benzinpreise weiterhin steigen werden 😉