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Nachricht an Terroristen – ihr habt versagt

Veröffentlicht: Juli 24, 2011 in Welt
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Normalerweise schreibe ich kaum über Emotionales oder Politik – die aktuelle Tragödie in Norwegen mit 90, 91, mindestens 92 Toten ist an mir allerdings nicht spurlos vorüber gegangen. In meinem Kopf mischen sich dabei Trauer, Verzeiflung, Wut, Ratlosigkeit … und Freude!

Trauer: Die Anzahl der Toten steigt ja täglich wie der laufende Ticker des Goldkurses, das ist so fürchterlich. Vergeltung und Rache sind bittere Pillen, das wissen wir alle. Ob ich das allerdings so pragmatisch und distanziert sehen würde, wenn meine 12jährige Tochter dort im Ferienlager gewesen wäre, bin ich mir nicht mehr so sicher.

Verzweiflung: Ich kann mich noch genau an den 11.09.2001 erinnern. An diesem Nachmittag habe ich auf Österreichs damals größter Computermesse IFABO gerade einen Vortrag vor einigen hundert Menschen gehalten, als plötzlich die schaurigen Bilder auf allen Monitoren kamen. Zehn Jahre danach muss man bedauerlicherweise festhalten, dass es nach wie vor kein Geheimrezept gibt, um solche Taten wirklich zu verhindern.

Wut: Völlig egal, welche Weltanschauung solche Täter auch haben – der Zweck heiligt niemals die Mittel. Es gibt wahrlich keinen Mißstand auf der Welt, der den Tod von auch nur einem einzigen Unschuldigen und Unbeteiligten rechtfertigen würde.

Ratlosigkeit: Der Journalist Tom Schaffer hat in einem lesenswerten Artikel über die Rolle der Medien in diesem Drama geschrieben, die klassische Schuldzuweisung auch ohne irgendwelche Fakten an islamische Terroristen war rasch geschehen. Von der viel gerühmten Unschuldsvermutung habe ich gleich von Beginn an nichts mehr gelesen, nicht einmal das Attribut mutmasslich wurde verwendet – die Zeitungen haben ihren Schuldigen bereits gefunden und auch gleich verurteilt. Für mich ergeben sich da einige unangenehme ethische Fragen: Würde ich als Strafverteidiger Anders Behring Breivik verteten? Jemanden, der die Anschläge als grausam, aber notwendig bezeichnet? Hat aber nicht auch so ein zigfacher Mörder das Recht auf einen fairen Prozess und bestmögliche Verteidigung?

Freude: Klingt unpassend, ist aber so. In jedem anderen Land der Welt wäre nun die Devise Um unsere Freiheit zu schützen, müssen wir sie beschneiden. Umso unglaublicher, was Ministerpräsident Stoltenberg dazu zu sagen hat: „Die Antwort des Landes müsse noch mehr Demokratie und Offenheit sein.“ In Zeiten, wo viele Politiker ihr Heil im Polizeistaat, ständiger Überwachung und prophylaktischer Kriminalisierung ihrer Bürger sehen, ist das ein echter Lichtblick. Davon könnten sich einige österreichische Volksvertreter eine große Scheibe Selbstachtung abschneiden, Stichwort Vorratsdatenspeicherung! Das ewig wiedergekäute Argument Wer nichts verbrochen hat, hat nichts zu befürchten ist selten dämlich.

Deshalb meine persönliche Nachricht an all diese Wahnsinnigen da draussen:
Ihr habt versagt! Ja ihr habt versagt, weil wir uns von euch Verhetzern nicht einschüchtern lassen. Weil wir nicht alle Menschen vorbeugend mit elektronischen Fußfesseln ausstatten – nur so für alle Fälle. Weil wir keinen heiligen Krieg gegen Andersgläubige ausrufen, nur weil für manche Journalisten und selbst ernannte Experten gründliche Recherche ein Fremdwort ist. Weil unser Mitgefühl den Familien der Opfer gehört, wir aber trotzdem an unser Rechtssystem glauben und nicht nahtlos zur Lynchjustiz übergehen.